Ein Gemälde ohne Titel, bestehend aus vier Tafeln im Gesamtformat von 220 x 560 cm. Kein Ensemble für ein bürgerliches Wohnzimmer mit normaler Deckenhöhe also, wenngleich das Bildsujet das im ersten Moment suggerieren mag. Denn die Blütenpracht der roten Pfingstrosen könnten wir uns als ebenso geschmackvolle wie traditionelle Dekoration eines gediegenen Wohn- und Esszimmerbereichs vorstellen. Doch das den klassischen Wohnraum überschreitende Format wie auch die vierfache Wiederholung des Motivs stören eine Wahrnehmung als bürgerliche Stilllebenidylle.

Fast tapetenhaft erscheint die Repetition von Rosen, Tulpen und Pfingstrosen. Bei genauerem Hinsehen werden leichte Abweichungen deutlich, variieren doch die Farben wie auch die Pinselschrift sowohl des Hintergrundes als auch der Blüten und Blätter. Keinen mechanischen Rapport, der durch die stetige Wiederholung eines Motivs ein Ornament entstehen lässt, sehen wir, vielmehr die individuelle Neugestaltung desselben Motivs in seiner Wiederholung.

„Eine Frau soll Blumenmalerin sein. So fordert es die Welt, der Anstand, die Sitte.“ Theodor Fontane, 1886. Anna Vonnemann malt Blumen in altmeisterlicher Manier. Dabei ist diese Malerei, die in Fontanes Roman „Cécile“ als angemessener Zeitvertreib kunstaffiner, kreativer Damen galt, keinesfalls aus der Zeit gefallen, vielmehr höchst aktuell in ihrem konzeptuellen Zugriff.

Während die Alten Meister stubentaugliche, kleine bis mittlere Formate wählten, arbeitet Anna Vonnemann vornehmlich mit Großformaten. Zu den Duplizierungen kommen auch Spiegelungen der Motive. Diese vertikal gespiegelten großformatigen Stillleben mit verschiedenen prachtvollen Blütenbouquets lassen die Abklatschtechniken und Klecksographien des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zum psychodiagnostischen Rorschach-Test aufscheinen.

Zunächst doppelt das durch die Spiegelung entstandene Diptychon die Opulenz und Fülle der Blütenpracht, doch entwertet sie zugleich, indem die Kostbarkeit des Unikats zu Lasten seiner Serialität aufgegeben wird. Es entsteht eine überbordende Schönheit und dschungelartige Undurchdringlichkeit, die die Betrachtenden überfordert und geradezu zurückzuweisen scheint.

Anna Vonnemanns hochkomplexe konzeptuelle Malerei steht in äußerstem Widerspruch zu der Allgegenwärtigkeit und scheinbaren Banalität ihres Hauptmotivs. Das Internet quillt über vor zeitgenössischen Blumenbildern; „Blumenmalerei“ ist längst zum Inbegriff realitätsflüchtiger, naiver Amateurkunst geworden.

Dabei zeigt die Geschichte des Blumenbildes seit der Renaissance eine Fülle von Bedeutungsveränderungen, vom floralen Dekor zum wissenschaftlich-morphologisch wie enzyklopädisch untersuchten Bildgegenstand, und in immer stärkerer Loslösung von der christlichen Ikonographie hin zum autonomen Blumenstück. Die Sinnlichkeit der Blüte, ihr Duft und ihre sozusagen nutzlose, selbstbezügliche Schönheit, die allein der ästhetischen Erbauung dient, machte sie zudem unverzichtbar in rituellen Kontexten vom Brautstrauß bis zum Trauerkranz.

Als Spiegelung des Naturzyklus symbolisieren die aufplatzenden Knospen den Frühling, die üppige Blütenpracht den Sommer, das welke Blatt den Herbst, der karge Zweig den Winter – nicht nur die Jahreszeit also, sondern als Vanitasdarstellungen auch die Vergänglichkeit und den Tod des Menschen.

Seit dem 17. Jahrhundert etablierte sich das Blumenstillleben als autonome Bildgattung – eine Erfolgsgeschichte dieses wohl beliebtesten Genres in der Gunst des Publikums. Doch im 19. Jahrhundert waren Vanitasbezüge und die Virtuosität der Gestaltung derart durchgespielt, dass das Blumenstück zu einer traditionellen akademischen Figur erstarrt war. Erst Künstlerpersönlichkeiten wie Claude Monet oder Odilon Redon hauchten Ende des 19. Jahrhunderts sowie die Fauvisten und Expressionisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts der überkommen scheinenden Bildgattung neues Leben ein. Die neusachliche Fotografie Karl Blossfeldts griff den naturwissenschaftlichen Ansatz der Zeichnungen Maria Sybilla Merians aus dem 17. Jahrhundert in seinen „Urformen der Kunst“ auf, während seine Künstlerkollegen in der Malerei, wie Georg Scholz etwa, der üppigen Pracht und Fülle der Blüten die karge, abstrakt-skulpturale Statuarik von Kakteen entgegenstellten: nature morte im Wortsinn.

Mit der Dominanz der abstrakten Nachkriegskunst im Westen fand die Blumenmalerei ihre einzige Nische in der Sonntagsmalerei und der Kaufhauskunst, aus der Maler der Pop Art wie Andy Warhol oder Sigmund Polke sie Anfang der 1960er Jahre befreiten, indem sie deren billigen Kitsch als Schäbigkeit ironisierten und in neue Kontexte fassten. Erst das postmoderne Verständnis des Anything goes trieb das Stillleben „zu neuer Blüte“, indem dem Innovationsbestreben als common sense der Moderne eine harsche Absage erteilt wurde.

Das Stillleben hatte nun seinen Prachtpokal oder die gutbürgerliche Vase verlassen und fand eine neue Relevanz im zunehmenden gesellschaftlichen ökologischen Bewusstsein, das ein neues Verständnis der Natur im Anthropozän anstrebte. Gleichzeitig konnte es auch als L’art pour L’art bestehen und sich so jeder überkommenen Erwartungshaltung entziehen.

Von 1979 bis 1981 studiert Anna Vonnemann freie Kunst bei Franz Erhard Walther an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Mit ihm wählte sie einen Lehrer, dessen konzeptueller, handlungsorientierter Ansatz derart innovativ war, dass er erst Jahrzehnte später einem größeren Kunstpublikum in Deutschland und Europa vermittelbar wurde.

Anna Vonnemanns Arbeiten scheinen im ersten Moment Franz Erhard Walthers anfangs ästhetisch äußerst kargen, erst spät durch leuchtende Farbfülle seiner Objekte opulent wirkenden prozessualen Werkansatz diametral entgegenzustehen. Doch ist unter der altmeisterlichen Oberfläche ihrer Blumenstillleben, Bildnisse und Körperdarstellungen ein grundsätzlich konzeptuell geprägter Ansatz bis heute deutlich.

Von einem von Innovation und Zielgerichtetheit geprägten Kunstbegriff wendet sie sich nun hin zu einem poststrukturalistischen Ansatz von Diskontinuität und Heterogenität. Ihre Blumenstücke sind Versatzstücke, die sie wiederholt, variiert, neukomponiert, spiegelt und neu arrangiert.

Christiane Heuwinkel, 2024